Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim
Frankfurt am Main
Gedenkveranstaltung am 05.09.2026
Rede von Cornelia Sammet
Liebe Anwesende, verehrte jüdische Gäste, liebe Bürgerinnen und Bürger von Bergen-Enkheim,
wir kommen am heutigen Tag in tiefer Verbundenheit zusammen, um die Augen vor unserer eigenen
Geschichte nicht zu verschließen. Der 5. September reißt eine Wunde in der Chronik unseres Stadtteils auf,
die niemals ganz verheilen darf. Menschen unterschiedlicher Generationen, aus der Bürgerschaft, der Politik
und aus unseren Schulen, stehen heute Seite an Seite, um gemeinsam der jüdischen Frauen, Männer und
Kinder aus Bergen-Enkheim zu gedenken, die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns wurden.
Wenn wir heute durch unseren friedlichen Stadtteil gehen, fällt es schwer, sich das Grauen vorzustellen. Und
doch begann es genau hier, an den Orten, die wir täglich passieren.
Versetzen wir uns zurück in die Frühlings- und Spätsommertage des Jahres 1942.
Denken wir an den 30. Mai und an den heutigen Jahrestag, den 5. September vor 84 Jahren.
Es ist morgens, 5 Uhr in aller Früh. Während die meisten Menschen in Bergen-Enkheim noch schlafen oder
sich schweigend in ihren Häusern verbergen, herrscht am Alten Rathaus eine grausame Unruhe. Auf Befehl
der Nationalsozialisten müssen sich die jüdischen Familien unseres Ortes hier versammeln. Aus ihren Betten
gerissen, verängstigt, mit hastig gepacktem Handgepäck, blicken sie auf die vertraute Fassade des
Rathauses – dem Ort, der eigentlich für Recht und Schutz stehen sollte, der nun aber zum Sammelplatz der
Entrechtung geworden ist.
Unter der brutalen Aufsicht der NS-Schergen werden unsere Nachbarn – Menschen, die hier über
Generationen hinweg lebten, arbeiteten und heimisch waren – durch die Straßen getrieben. Ihr Weg führt sie
weg von Bergen-Enkheim, hinab zum Bahnhof Mainkur.
Auf dem Weg in die Vernichtung bricht am Bahnhof Mainkur der letzte Bezug zur Heimat ab. In den frühen
Morgenstunden rollen die Züge an. Es istder Beginn einer Reise ohne Wiederkehr. Die Deportationszüge
quälen sich über Schienen, die heute noch existieren: über Hanau, Fulda und Kassel.
Jede Station, die diese Züge passierten, entfernte diese Menschen weiter von ihrer Würde und ihrem Leben.
Es war der Weg direkt in die Ghettos, in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Ostens, wo fast alle
von ihnen auf grausamste Weise ermordet wurden. Insgesamt 28 Namen jüdischer Gemeindemitglieder, die
diesen Leidensweg von unserem Rathaus aus antreten mussten, sind heute untrennbar mit diesem Ort
verbunden.
Niemand von uns, der heute hier steht, trägt die Schuld an den Verbrechen der Vergangenheit. Doch aus dem
Gedenken erwächst eine gemeinsame, unteilbare Verantwortung für das Hier und Jetzt. Wenn wir heute an
diesen frühen Morgen zurückdenken, begreifen wir, wie verletzlich Menschlichkeit und Demokratie sind.
Die Arbeit der Initiative Stolpersteine Bergen-Enkheim sorgt mit den Messingtafeln und Gedenkschildern
dafür, dass wir die Namen der Vertriebenen nicht vergessen. Sie mahnt uns täglich, die Augen offenzuhalten.
Es ist die Aufgabe aller Generationen in unserem Stadtteil, dieses Wissen weiterzutragen und dafür zu
sorgen, dass Ausgrenzung, Hass und Antisemitismus in unserer Gesellschaft keinen Platz finden.
Die Stolpersteine und die Gedenktafel am Rathaus fordern uns auf
zum Wahrnehmen. Verstehen. Handeln.
Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Um diesen Frauen, Männern und Kindern ihre
Würde und ihren Platz in unserer Mitte zurückzugeben, wollen wir nun ihr Schweigen brechen. Wir wollen die
Anonymität der Opferstatistiken durchbrechen.
Ich lade Sie nun dazu ein, innezuhalten, während wir die Namen derer einzeln verlesen, die von genau
diesem Ort aus in den Tod geschickt wurden. Lassen Sie uns ihnen gemeinsam zuhören.
Wenn wir gleich die 28 Namen einzeln verlesen, dann tun wir etwas zutiefst Jüdisches: Wir holen sie zurück in
unsere Mitte. Im Talmud steht geschrieben:
„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“
Indem wir ihre Namen laut aussprechen, schenken wir ihnen die Würde wieder, die man ihnen am Bahnhof
Mainkur auf so bestialische Weise nehmen wollte.
Wir richten aus der jüdischen Perspektive ein Blick nach vorn.
Erinnern ist für uns Schmerz, aber es ist auch ein Fundament. Wenn jüdische und nicht-jüdische Bürger heute
hier gemeinsam stehen, ist das ein starkes Signal. Es zeigt: Das Band der Menschlichkeit, das 1942 so brutal
zerrissen wurde, knüpfen wir heute gemeinsam wieder zusammen.
Aber dieses Band ist zerbrechlich. Gedenktage dürfen keinesfalls Pflichtübungen sein. Das Sachor – das
Erinnern – verlangt von uns allen, heute aufzustehen, wenn jüdisches Leben wieder bedroht wird, wenn
Synagogen Schutz brauchen und wenn Antisemitismus auf unseren Straßen auftaucht.
Lassen Sie uns die Namen gleich mit Respekt und mit einem Versprechen hören. Dem Versprechen, dass
jüdisches Leben zu diesem Land und zu diesem Stadtteil gehört – gestern, heute und in Ewigkeit
Vielen Dank.
Die Namen der Deportierten
• Hahn Emma geb. Rosenberg 13.05.1897 Rathausgasse 5 deportiert von Bergen Enkheim am 05.09.1942
ins KZ Theresienstadt von dort 1943 ins KZ Auschwitz und dort ermordet
• Hahn Herrmann geb. 27.12.1888 Rathausgasse 5 Händler deportiert von Bergen Enkheim am 05.09.1942
ins KZ Theresienstadt von dort 1943 weiter ins KZ Auschwitz und dort ermordet
• Heß Jettchen geb. Strauß 05.09.1891 Rathausgasse 7 deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim ins
KZ Theresienstadt dort ermordet am 20.11.1942
• Heß Johanna geb. Morgenthau 03.10.1859 Schwindegasse 2 in Georgenshausen/Dieburg Ehefrau von
Adolf Heß deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim am 07.09.1942 über Kassel ins KZ Theresienstadt
am 29.09.1942 weiter ins KZ Treblinka, dort ermordet
• Heß Klara geb. 02.09.1883 Rathausgasse 7 deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim am 07.09.1942
über Kassel ins KZ Theresienstadt am 23.01.1943 weiter ins KZ Auschwitz, dort ermordet
• Hirsch Frieda geb. Hirsch (23)26.01.1896 Niederhofheim Marktstraße 51 Ehefrau von Wilhelm deportiert
am 05.09.1942 von Bergen Enkheim am 07.09.1942 von Kassel ins KZ Theresienstadt, von dort am
06.10.1944 ins KZ Auschwitz deportiert, dort ermordet
• Hirsch Jettchen geb. Kaufmann 29.01.1863 Marktstraße 51 deportiert am 05.9.1942 von Bergen Enkheim
am 07.09.1942 von Kassel ins KZ Theresienstadt, von dort am 18.05.1944 ins KZ Auschwitz, dort ermordet
• Hirsch Joachim geb. 10.06.1929 Marktstraße 51 Sohn von Wilhelm und Frieda deportiert von Bergen
Enkheim am 05.09.1942 ab 07.09.1942 von Kassel ins KZ Theresienstadt, von dort am 06.10.1944 ins KZ
Auschwitz, dort ermordet
• Hirsch Johanna geb. 20.04.1887 Im Sperber 6deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheimam
07.09.1942 von Kassel ins KZ Theresienstadt, von dort am 18.05.1944 ins KZ Auschwitz, dort ermordet
• Hirsch Wilhelm geb. 20.11.1890 Marktstraße 51 Polsterer und Dekorateur Mitbegründer des FSV Bergen
1910 und der DRK Ortgruppe Bergen 1911 deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim
• Levy Emil geb. 27.01.1883 Im Sperber 20 Taschner deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim ins KZ
Theresienstadt von dort verschleppt ins KZ Auschwitz und dort 1943 ermordet
• Levy Sophie geb. Löw 9.05.1886 Im Sperber 20 deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim ins KZ
Theresienstadt von dort am 23.01.1943 ins KZ Auschwitz verschleppt und dort ermordet
• Seligmann Meier geb. 24.11.1872 Marktstraße 87 Höchst an der Nidder Metzgermeister deportiert von
Bergen Enkheim am 05.09.1942 am 07.09.1942 ab Kassel ins KZ Theresienstadt von dort deportiert ins KZ
Treblinka, dort am 29.09.1942 ermordet
• Seligmann Ella geb. Brückheimer 09.10.1886 Külsheim Marktstraße 87 deportiert von Bergen Enkheim am
05.09.1942 ab Kassel am 07.09.1942 ins KZ Theresienstadt, von dort am 29.09.1942 deportiert ins KZ
Treblinka und dort ermordet
In den Aufzeichnungen von Pfarrer Wessendorft ist erwähnt (lt. Zeitzeugen) das der Junge Joachim Hirsch
13 Jahre alt, seine Mütze im Elternhaus Marktstraße 51 vergessen hatte, noch auf der Treppe fiel ihm dieses
ein. Von den anwesenden Ortspolizisten wurde es ihm verboten, noch einmal in das Haus zu gehen und seine
Mütze zu holen. Der Vorgang ist symptomatisch für das damals in Deutschland herrschende Unrechtssystem
und die Unterdrückung und Diskriminierung der jüdischen Mitbürger,
Heute - am 5.9.2026 möchten wir noch an die Geburtstage von 2 Opfern an diesem Tag mit erinnern.
● Melina Hahn geb. Frank 05.09.1884 Offenbacher Landstraße (heute Vilbeler Landstraße) 407 Flucht am
09.03.1939 nach den Niederlanden, dort inhaftiert vom 04.03.1943 bis zum 17.03.1943 im Sammellager
Westerbork von dort deportiert am 17.03.1943 in das KZ Sobibor dort am 20.03.1943 ermordet
● Jettchen Heß geb.Strauß 05.09.1891 Rathausgasse 7 deportiert am 05.09.1942 von Bergen Enkheim ins
KZ Theresienstadt dort ermordet am 20.11.1942
Bevor wir auseinander gehen, möchten wir gemeinsam mit Ihnen den heutigen Gedenktag mit einem Nachruf
abschließen.
Nachruf
:
Ein Freund ist von uns gegangen still und leise, wie es seine Art war.
Immer zuvorkommend und hilfsbereit, nie aufdringlich.
Mit seinem Weggang ging auch ein Großteil des Fachwissens - auch und vor allem der jüdischen Geschichte -
unseres Stadtteils Bergen Enkheim verloren. Seit 2022 war er auf Grund seiner enormen Kenntnisse als
Museumsleiter unseres Heimatmuseums in Bergen-Enkheim eingesetzt.
Michael Würtz geboren 25.12.1964 - verstorben am 03.07.2026
Lieber Michael wir vermissen Dich.
Die Dich kannten und schätzten, werden Dich nicht vergessen. Du bist und warst ein Stück Heimat in
"unserem" Bergen Enkheim.